Nahrungsergänzungsmittel für Hund und Katze: Was ist wirklich sinnvoll?

Gelenk-Supplemente für Hund und Katze: Was ist wissenschaftlich sinnvoll?

Nicht jedes Nahrungsergänzungsmittel für Hunde und Katzen ist medizinisch sinnvoll. Besonders bei Arthrose und anderen orthopädischen Erkrankungen unterscheiden sich die angebotenen Präparate erheblich hinsichtlich Wirksamkeit, Dosierung und Produktqualität. Nach der derzeitigen veterinärmedizinischen Studienlage besitzen vor allem ausreichend dosierte langkettige Omega-3-Fettsäuren mit EPA und DHA eine vergleichsweise gute Evidenz. Für Grünlippmuschel und undenaturiertes Kollagen Typ II bestehen begrenzte positive Hinweise, während die Wirksamkeit von Glucosamin, Chondroitin, MSM und vielen pflanzlichen Mischungen häufig überschätzt wird. Entscheidend ist nicht die Länge der Zutatenliste, sondern ob ein Wirkstoff in einer wirksamen Dosierung, geeigneten Qualität und passend zur Erkrankung des einzelnen Patienten eingesetzt wird.

Tierärztlich eingeordnet von Dr. Jens M. Diel

Dr. Jens M. Diel ist Fachtierarzt für Kleintiere, GPCert (SAS) und seit mehr als 20 Jahren schwerpunktmäßig in der Kleintierchirurgie und Orthopädie tätig. Zu seinen besonderen Arbeitsgebieten gehören die Diagnostik und operative Behandlung von Gelenkerkrankungen, die Arthroskopie sowie die langfristige Betreuung von Hunden und Katzen mit Arthrose und chronischen orthopädischen Beschwerden.

Auf Grundlage seiner mehr als 20-jährigen Erfahrung in Gelenkchirurgie und Orthopädie setzt Dr. Jens M. Diel Nahrungsergänzungsmittel gezielt und evidenzorientiert als Bestandteil multimodaler Behandlungskonzepte ein. Entscheidend sind die genaue Diagnose, das Körpergewicht, die tatsächlich enthaltene Wirkstoffdosis, die Qualität des Präparates und die Kombination mit Gewichtsmanagement, Bewegung, Physiotherapie und gegebenenfalls einer wirksamen Schmerztherapie.

Seine grundsätzliche Einschätzung: Sinnvoll ausgewählte Supplemente können die Behandlung orthopädischer Erkrankungen unterstützen. Sie ersetzen jedoch weder eine fundierte orthopädische Untersuchung noch eine notwendige medikamentöse oder operative Therapie.

Omega-3-Fettsäuren: die derzeit überzeugendste Evidenz

Unter den klassischen Nahrungsergänzungen besteht die vergleichsweise beste wissenschaftliche Evidenz für die langkettigen Omega-3-Fettsäuren EPA und DHA. Eine systematische Übersichtsarbeit mit Metaanalyse zur Arthrose bei Hund und Katze bewertete Omega-3-reiche Präparate deutlich günstiger als viele andere Nutraceuticals. Randomisierte, kontrollierte Studien an Hunden zeigten Verbesserungen klinischer Beschwerden, der Mobilität oder der Belastung betroffener Gliedmaßen. Für Katzen ist die Datenlage kleiner, aber ebenfalls grundsätzlich positiv.

Dabei zählt nicht die auf der Verpackung angegebene Menge „Fischöl“, sondern die tatsächlich enthaltene Tagesdosis an EPA plus DHA. Ebenso wichtig sind Rohstoffqualität, Bioverfügbarkeit und Oxidationsschutz. Ein niedrig dosiertes, instabiles oder bereits oxidiertes Öl lässt sich nicht mit den in klinischen Studien untersuchten Produkten gleichsetzen. Auch ein extrem EPA-dominantes Präparat sollte nicht automatisch als wissenschaftlich überlegen bezeichnet werden, solange seine konkrete Zusammensetzung nicht klinisch geprüft wurde.

Grünlippmuschel: komplexer als Glucosamin und Chondroitin

Die neuseeländische Grünlippmuschel, Perna canaliculus, wird häufig als natürliche Quelle von Glucosamin und Chondroitin vermarktet. Diese Beschreibung ist nicht völlig falsch, greift aber fachlich zu kurz.

Chondroitinsulfat gehört zur Gruppe der Glykosaminoglykane und entsprechende Verbindungen kommen in Muschelbestandteilen vor. Glucosamin ist ein Aminozucker und Baustein solcher Moleküle. Es ist jedoch nicht belegt, dass Glucosamin und Chondroitin allein die klinische Wirkung der Grünlippmuschel erklären. Im Gegenteil: Für isolierte Glucosamin-Chondroitin-Produkte ist die veterinärmedizinische Evidenz insgesamt schwach und widersprüchlich, während für einzelne definierte Grünlippmuschelpräparate zumindest positive klinische Signale vorliegen.

Von besonderem Interesse ist die marine Lipidfraktion der Grünlippmuschel. Sie enthält neben EPA und DHA weitere langkettige Fettsäuren, Phospholipide, Plasmalogene, Furanfettsäuren und andere bislang nicht vollständig charakterisierte bioaktive Lipide. Experimentelle Untersuchungen zeigen, dass gerade Lipidextrakte und freie Fettsäurefraktionen aus Perna canaliculus entzündliche Signalwege beeinflussen können. Die Grünlippmuschel sollte deshalb eher als komplexe marine Wirkstoffmatrix verstanden werden und nicht lediglich als natürliche Verpackung für Glucosamin und Chondroitin.

In einer randomisierten, doppelblinden Studie an Hunden mit Arthrose reduzierte ein untersuchtes Grünlippmuschelpräparat chronische orthopädische Schmerzen gegenüber Placebo. Die Wirkung war jedoch schwächer als die des eingesetzten nichtsteroidalen Entzündungshemmers Carprofen. Grünlippmuschel kann daher eine unterstützende Komponente sein, ersetzt bei schmerzhafter Arthrose aber keine angemessene Diagnostik und Schmerztherapie.

Sind die Gonaden der Grünlippmuschel besonders wertvoll?

Gonaden- und Mantelgewebe weiblicher Grünlippmuscheln können besonders reich an marinen Lipiden und langkettigen Omega-3-Fettsäuren sein. Ein größerer Anteil dieser Lipide wird während der Fortpflanzungsphase in Gonaden- und Mantelgewebe gespeichert. Ob daraus gewonnene Extrakte klinisch besser wirken als standardisierte Ganzmuschel- oder andere Lipidextrakte, ist bislang jedoch nicht durch direkte Vergleichsstudien an Hunden oder Katzen belegt.

Daraus folgt jedoch nicht automatisch, dass jedes Produkt aus Gonadengewebe klinisch besser wirkt. Bislang fehlen direkte veterinärmedizinische Vergleichsstudien zwischen reinem Gonadenextrakt, Ganzmuschelpulver und standardisiertem Lipidextrakt. „Aus den Gonaden gewonnen“ ist daher ein interessantes Qualitätsmerkmal für einen lipidreichen Rohstoff, aber noch kein eigenständiger Wirksamkeitsnachweis.

Entscheidend sind vielmehr:

  • die Verwendung der echten neuseeländischen Grünlippmuschel Perna canaliculus,

  • der Anteil und die Standardisierung der bioaktiven Lipidfraktion,

  • der Erntezeitpunkt und das Reproduktionsstadium,

  • eine schonende Verarbeitung,

  • der Schutz der empfindlichen Fettsäuren vor Oxidation,

  • eine transparente Deklaration und

  • möglichst ein klinischer Nachweis für den konkret verwendeten Extrakt.

Die bloße Angabe „Grünlippmuschel 1.000 mg“ sagt dagegen wenig aus. Ein Gramm entfettetes oder qualitativ schlecht verarbeitetes Muschelpulver kann deutlich weniger relevante Lipide enthalten als eine wesentlich kleinere Menge eines standardisierten Extraktes.

Glucosamin und Chondroitin: theoretisch plausibel, klinisch nicht überzeugend

Glucosamin und Chondroitin werden häufig als „Knorpelbausteine“ bezeichnet. Daraus wird in der Werbung oft abgeleitet, dass ihre orale Gabe geschädigten Gelenkknorpel wieder aufbauen könne. Für einen solchen Knorpelaufbau gibt es bei Hunden oder Katzen jedoch keinen überzeugenden klinischen Nachweis.

Einzelne kleinere Studien berichten über Verbesserungen, die Ergebnisse konnten aber nicht konsistent bestätigt werden. Die aktuelle Gesamtauswertung der verfügbaren Studien bewertet Glucosamin-Chondroitin-Präparate deutlich zurückhaltender als Omega-3-Fettsäuren. Die Substanzen sind damit nicht zwangsläufig wirkungslos, rechtfertigen aber keine Aussagen wie „regeneriert den Knorpel“ oder „stoppt Arthrose“.

MSM: häufig enthalten, aber kaum belegt

MSM, Methylsulfonylmethan, ist Bestandteil vieler Gelenkpulver. Für Hunde und insbesondere Katzen fehlen jedoch hochwertige klinische Studien, die eine relevante Wirkung von MSM als Einzelwirkstoff bei Arthrose überzeugend belegen. Dass MSM häufig gemeinsam mit Glucosamin, Chondroitin oder Pflanzenextrakten eingesetzt wird, erschwert die Bewertung zusätzlich.

Die Aufnahme in ein Kombinationspräparat stellt keinen Wirksamkeitsnachweis dar. MSM sollte deshalb derzeit eher als unzureichend untersuchter Zusatzstoff und nicht als wissenschaftlich etablierte Arthrosetherapie eingeordnet werden.

Weitere häufige Inhaltsstoffe

Für Grünlippmuschel und undenaturiertes Kollagen Typ II bestehen gewisse positive Hinweise. Undenaturiertes Kollagen Typ II darf allerdings nicht mit gewöhnlichem Kollagenpulver oder hydrolysierten Kollagenpeptiden gleichgesetzt werden, da sich Herstellungsverfahren, Struktur und angenommener Wirkmechanismus unterscheiden.

Für Weihrauch beziehungsweise Boswellia serrata, Curcumin, Teufelskralle, orale Hyaluronsäure, Hagebutte, Ingwer, Avocado-Soja-Unverseifbare und Eierschalenmembran finden sich teilweise interessante experimentelle oder kleinere klinische Untersuchungen. Häufig wurden jedoch Kombinationsprodukte geprüft, sodass sich nicht sicher feststellen lässt, welcher Bestandteil für einen beobachteten Effekt verantwortlich war.

Besonders bei pflanzlichen Extrakten unterscheiden sich die Produkte erheblich hinsichtlich Pflanzenteil, Extraktionsverfahren, Wirkstoffgehalt und Bioverfügbarkeit. Ein Studienergebnis für einen standardisierten Extrakt kann daher nicht ohne Weiteres auf jedes frei verkäufliche Produkt übertragen werden.

Natürlich bedeutet nicht automatisch wirksam oder ungefährlich

Auch Nahrungsergänzungsmittel können unerwünschte Wirkungen hervorrufen. Pflanzenextrakte können Magen-Darm-Beschwerden verursachen oder mit Arzneimitteln interagieren. Marine Öle liefern zusätzliche Kalorien und können bei empfindlichen Patienten Verdauungsprobleme auslösen. Muschelprodukte sind bei entsprechender Unverträglichkeit ungeeignet.

Besondere Vorsicht ist bei unkritisch ergänzten Vitaminen und Mineralstoffen geboten. Eine vollwertige Alleinnahrung deckt den Bedarf normalerweise bereits. Zusätzliche Gaben können zu einer Überversorgung führen. Insbesondere eine Überdosierung von Vitamin D kann bei Hund und Katze schwere Hyperkalzämien, Nierenschäden und weitere Organschäden verursachen.

Welche Gelenk-Supplemente empfiehlt Dr. Jens M. Diel?

Bei Hunden und Katzen mit orthopädischen Erkrankungen empfiehlt Dr. Jens M. Diel keine pauschalen Gelenkpulver mit möglichst vielen Inhaltsstoffen. Bevorzugt werden gezielt ausgewählte Präparate, deren Zusammensetzung, Wirkstoffmenge, Qualität und Stabilität nachvollziehbar sind.

Bei Arthrose besitzen ausreichend dosierte langkettige Omega-3-Fettsäuren mit EPA und DHA derzeit die überzeugendste wissenschaftliche Grundlage unter den klassischen Nahrungsergänzungsmitteln. Abhängig vom Patienten können außerdem standardisierte Grünlippmuschelextrakte oder undenaturiertes Kollagen Typ II erwogen werden. Glucosamin, Chondroitin, MSM und pflanzliche Mischpräparate beurteilen wir deutlich zurückhaltender, da die klinische Evidenz häufig schwach, widersprüchlich oder nicht auf das konkret angebotene Produkt übertragbar ist.

Die Empfehlung erfolgt immer individuell. Berücksichtigt werden unter anderem die genaue orthopädische Diagnose, das Körpergewicht, Begleiterkrankungen, bestehende Medikamente, die Ernährung und das Behandlungsziel.

Wirkstoff

Einschätzung

Praktische Einordnung

EPA und DHA

vergleichsweise gute Evidenz

bei Arthrose häufig sinnvoll, wenn ausreichend dosiert und oxidationsgeschützt

Grünlippmuschel

begrenzte positive Evidenz

Produktqualität und standardisierte Lipidfraktion entscheidend

Undenaturiertes Kollagen Typ II

gewisse positive Hinweise

nicht mit normalem Kollagenpulver gleichzusetzen

Glucosamin und Chondroitin

schwache, widersprüchliche Evidenz

kein belegter Wiederaufbau von Gelenkknorpel

MSM

unzureichend untersucht

derzeit keine etablierte Arthrosetherapie

Weihrauch, Curcumin, Teufelskralle

einzelne Hinweise

Wirkung stark vom konkreten Extrakt abhängig

Vitamine und Mineralstoffe

nur bei konkreter Indikation

bei Alleinfuttermitteln Risiko der Überversorgung

Quellen

  • Barbeau-Grégoire M. et al. A 2022 systematic review and meta-analysis of enriched therapeutic diets and nutraceuticals in canine and feline osteoarthritis. International Journal of Molecular Sciences. 2022;23:10384. Die Metaanalyse fand die überzeugendsten Resultate für Omega-3-reiche Produkte; für Glucosamin-Chondroitin und zahlreiche weitere Präparate war die Evidenz deutlich schwächer.

  • Roush JK et al. Multicenter veterinary practice assessment of the effects of omega-3 fatty acids on osteoarthritis in dogs. Journal of the American Veterinary Medical Association. 2010;236:59–66. Randomisierte, doppelblinde kontrollierte Studie mit 127 Hunden.

  • Bauer JE. Nutritional management of osteoarthritis. Veterinary Clinics of North America: Small Animal Practice. 2012;42:1449–1467. Die Übersichtsarbeit hebt insbesondere Gewichtsmanagement sowie EPA und DHA hervor.

  • Hielm-Björkman A et al. Evaluating complementary therapies for canine osteoarthritis. Part I: Green-lipped mussel. Evidence-Based Complementary and Alternative Medicine. 2009;6:365–373. Das untersuchte Grünlippmuschelpräparat linderte Schmerzen besser als Placebo, aber weniger stark als Carprofen.

  • Pollard B et al. Clinical efficacy and tolerance of an extract of green-lipped mussel in dogs presumptively diagnosed with degenerative joint disease. New Zealand Veterinary Journal. 2006;54:114–118. Klinische Untersuchung eines definierten Grünlippmuschelextraktes bei Hunden.

  • Whitehouse MW et al. The CO₂-SFE crude lipid extract and the free fatty acid extract from the New Zealand green-lipped mussel have anti-inflammatory activity. Comparative Biochemistry and Physiology Part B. 2007;148:346–356. Die experimentellen Daten stützen die Bedeutung der Lipid- und Fettsäurefraktion.

  • Miller MR et al. Detailed distribution of lipids in Greenshell mussel, Perna canaliculus. Nutrients. 2014;6:1454–1474. Weibliche Muscheln enthielten mehr Gesamtfett und langkettige Omega-3-Fettsäuren; ein größerer Lipidanteil befand sich in Gonade und Mantel.

  • Siriarchavatana P et al. Non-polar lipid from Greenshell mussel inhibits osteoclast differentiation and bone resorption. Marine Drugs. 2021. Experimenteller Hinweis auf biologisch aktive Bestandteile der nichtpolaren Lipidfraktion; dies ist jedoch kein klinischer Wirksamkeitsnachweis bei Hunden oder Katzen.

  • Comblain F et al. Characterisation of commercial Perna canaliculus samples and stability of formulations for veterinary use. Die untersuchten Handelsproben unterschieden sich hinsichtlich physikochemischer Eigenschaften, Lipidgehalt und Fettsäurezusammensetzung und verdeutlichen damit die Bedeutung der Produktqualität.

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